Sprache –einige Definitionen

E. Sapir (1921):  „Sprache ist eine ausschließlich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Übermittlung von Gedanken, Gefühlen u. Wünschen mittels eines Systems von frei geschaffenenen Symbolen“.

F. de  Saussure: Sprache als System von Zeichen (Langue). Auch: Langage (Sprachfähigkeit), Parole (Sprachverwendung)

Sprache als Tätigkeit (Handeln) (z.B. Austin)

 

F. Grucza (1983): 

Sprache: kein selbständiges Dasein, existiert im Gehirn des Menschen, existiert nur im Menschen, in der sprachlichen Kommunikation

Gegenstand der Linguistik:

1) Menschen, die als Sprecher od. Hörer agieren  - in Hinsicht auf solche Eigenschaften, die ihnen eine sprachliche Verständigung ermöglichen (wie die Äußerungen gebildet, verstanden werden)

2) konkrete Äußerungen, die von d. Menschen gebildet werden – nur im Aspekt der H/S (welche Bedeutung sie ihnen geben, was sie damit erreichen wollen)

3) Situationen (Umstände), in denen diese Äußerungen zustande kommen

Ziel der Linguistik: die sprachlichen Regeln der S/H zu beschreiben

 

Funktionen der Sprache

kommunikative Funktion, deskriptive Funktion, Ausdruck des Denkens, Übermittlung der Gedanken,  kognitive Funktion: in der Sprache – das Wissen über die Wirklichkeit gespeichert;  durch Verwendung der Sprache kommt man zum Wissen über die Welt, Sprache  als Voraussetzung der Tätigkeit, phatische F. (dient zur Kontaktanknüpfung), ästhetische F. (Dichtung, Literatur), metasprachliche Funktion:  mit der Sprache  spricht man  über die Sprache

Karl  Bühler:  darstellende  (symbolische),expressive (Ausdrucksfunktion),  impressive  (Appell)funktion

 

Klassifikation der Sprachen

Flektierende Sprachen: Flexionsmorpheme, polyfunktional

a)    Synthetisch: Latein, Griechisch, Gotisch, Hethitisch, auch im Wortschatz: Komposita, Derivate

b)    Analytisch: Hilfswörter, weniger Endungen:  romanische S., Englisch, Bulgarisch

Indoeuropäisch, semitisch, hamitisch

 

Agglutinierende Sprachen: ein Affix – nur eine Bedeutung, z.B.:

Ung.: kert (Garten), kertek (Plur.), kertnek (Sing. Dat.), kerteknek (Plur., Dat.)

ház (Haus), házak (Häuser), házat (Sing., Akk.), házakat (Pl., Akk.)

házam (mein Haus), házaol (dein Haus)

Finno-ugrisch, Turko-tatarisch, Japanisch, altaische S., Bantu

 

Isolierende (amorphe, Wurzelsprachen) S.: ohne Morphologie, keine Flexionsmorpheme, lediglich die Stellung im Satz und Intonation. Wortart je nach dem Kontext, z.B.:  Vietnamesisch, Chinesisch, eingeborene S. Westafrika

Chinesisch:  uo  bu he cha „ich nicht essen Tee“, aber: ren  hao  uo(„ein Mensch liebt mich“)

Aber auch Suffixe u. Endungen: uo (ich)  - uomen (wir), ta (er) – tamen (sie)

Auch stamm-isolierende S.: haben Affixe

 

Polysynthetische (inkorporierende)  Sprachen: z.B. wird ein Subjekt u. Objekt ins Prädikat inkorporiert:

i – n- i - a – l – u – d (e. Sprache in Nordamerika): „Ich bin gekommen, um ihr dieses Ding zu geben“),

im Anlaut (nahe Vergangenheit), i (das zweite) „diese Sache“, d - Wurzel des Verbs „geben“, n - 1. Prs. Sing., u – die Handlung geht vom Subjekt aus

 

Sprachfamilien (Europa)

- Indoeuropäisch: germanische, romanische, slawische, baltische Sprachen, Griechisch, Albanisch, Armenisch, Indisch (Sinti und Roma)

Keltisch  3. Jh. v.u.Z. von Kleinasien bis Schottland, heute am besten in Irland erhalten

1)    (Schottisch)-Gälisch (68 000), Irisch (150 000), Manx (kürzlich ausgestorben)

2)    Bretonisch (850 000), Walisisch/Kymrisch (522 000), Kornisch (ausgest. 18.Jh.)

Verb am Anfang, reiche Konjugation, 20er

Ähnlichkeit mit romanischen u. germanischen S.

 

Der indo-iranische Zweig:

- indische S.: Altind.: Vedisch (Veden, Hymnen, Gebets-, Lieder-, Spruchsammlungen, 18.-12.), Sanskrit (2. Halfte des 1. Jts. V.u.Z.) – Epen, dann: von Panini (4. Jh. v.u.Z.) kodifiziert klass. Sanskrit, Konversation gebildete Kreise (noch heute von gelehrten Brahmanen benutzt) – weniger Formen als Vedisch. Heute (indischer Zweig): Hindi (418 Mlln, seit 1965 Staatsprache Indiens), Urdu (56 Mlln, Pakistan, Indien), Bengali (196 Mlln), Punjabi (84 Mlln), (iranischer Zweig): Persisch (38 Mlln), Paschtu (20 Mlln).

 

Zigeunerisch: S. der indischen Bevölkerungsgruppe – aus dem N-W Indiens im 5. Jh. u. Z. fortzog (nicht aus Ägypten). LW aus verschiedenen Sprachen

- iranische Sprachen: Altiranisch (Avestisch – relig. Texte des Masdaismus[1] – Zarathustra – 7,6 Jh. v.u.Z., Altpersisch) – bis 3. Jh. v.u.Z., Mittelir. – bis 8. Jh., Neuiran.: Neupersisch (Iran, seit 9. Jh. u.Z. Texte), Aphganisch (seit 6. Jh. u.Z.), Tadschikisch (Russland, Iran, China), Ossetisch (Norkaukasus)

Auch: Kurdisch

 

- Uralische Sprachen:  Finnisch, Ungarisch, Estnisch, Lappisch, Ingrisch, Karelisch, Wotisch, Samojedisch (Ural), Wolgasprachen (Tschereminisch – 600 000, Mordwinisch – 1 Mln)

Größter Sprachzweig: Finno-Ugrisch

Ugrische Sprachen: Ungarisch, Wogulisch, Ostjakisch, Ob-Ugrisch

Akzent: immer 1. Silbe, kein Genus, kein Artikel (außer Ungar.)

Vokalharmonie: emberek, varosok

Länge u. Kürze der Vokale, kurze u. lange Konsonanten (Finn, Ung)

 

Baskisch – seit 1980 gleichberechtigt neben Spanisch. Agglutinierend, Lehnwörter  aus Latein, nur geringe Einflüsse des Keltischen,  20er-Zahlen, lässt sich keiner Sprachfamilie zuordnen

ergativ (sonst nur im Kaukasus): derselbe Kasus (Absolutiv) für Subjekt eines intrans. Verbs und Objekt eines trans. Verbs u. „sein“, aber Subj eines trans (Ergativ) – eine andere Form,   agglutinierend, Artikel  wichtiger als im Deutschen!

 

Afroasiatische (hamito-semitische) Sprachen:
Hamitisch:Altägypt (4. Jts. V.u. Z.), Koptisch (seit 1. Jh. v.u.Z., Ägypten durch Araber erobert, ausgest. 16. Jh.), Berbersprache (Algerien, Marokko), Kuschitensprache (Äthiopien, Somali, Sudan, bis 12 Mlln), Haussa (Nordnigeria, 7 Mlln)

Semitisch: ARABISCH (209 Mlln), 4. Jts. V.u. Z. – Texte, reiche belletr., wiss, philosophische Literatur. Arabische Gelehrte (Ost) – weitgehend Fortsetzer d. antiken griech u. latein Kultur. Beeinflusste: Spanisch, Persisch, Türkisch, Rumänisch

kataba  er hat geschrieben     himar   Esel (Sing.)

katib Schriftsteller                  hamir   Esel (Pl.)

kitab  Buch

HEBRÄISCH (4,5 Mlln): Altes Testament, Erst 2. H. 19. Jh, - Zionismus

 

Chino-Tibetanisch (sino-tibetisch): Chinesisch – verschiedene Dialekte (Mandarin, Kantonesisch …), Tibetisch (4 Mlln)

Altaische Sprachen, Untergruppe: Turksprachen

Koreanisch

Japanisch (älteste Texte 6. Jh. u.Z.)

Afrikanische Sprachen

Amerikanische Indianersprachen

 

Frühere Sprachen

Altägyptisch(4. Jts. v.u. Z.)

Sumerisch -  agglutinierend, erlosch 1800 v.u.Z., lebte aber noch als Sprache des Kults u. Bildung, Schriftform noch weitere 200 Jahre. Erste Schriftdokumente (Keilschrift) 3100 v.u.Z. Älteste schriftliche Tradition

Aramäisch - Sprache der Israeliten,  David 1010 -970 v.u.Z.    3. Jh. u. Z. verschwand  als  Alltagssprache, durch Arabisch  ersetzt.  Akkadisch

 

Hethitisch  19.-12. Jh. v. u. Z., Tontafeln - Keilschrift

Altindisch: Vedisch (Veden, Hymnen, Gebets-, Lieder-, Spruchsammlungen), Sanskrit (2. Halfte des 1. Jts. v.u.Z.) – Epen, dann: von Panini kodifizierte klass. Sanskrit (noch heute von gelehrten Brahmanen benutzt) – weniger Formen als Vedisch. Heute: Hindi

Tocharisch  (indischer Herkunft)

- iranische Sprachen: Altiranisch (Avestisch– relig. Texte Zarathustras, Altpersisch) – bis 3. Jh. v.u.Z.)

Auch: Skytisch (unterer Donau bis asiat. Teile Russlands)

 

Etruskisch   9. Jh. v.u.Z.  bis  1. Jh. u. Z.

 

 

SPRACHELEMENTE

LAUT  kleinste artikulatorische Einheit der gesprochenen Sprache, auch: LAUTKLASSE, PHON

Freie  ALLOPHONE:  zwei Arten von  r

kombinatorische  ALLOPHONE:   ich-Laut, ach-Laut

PHONEM  -  kleinste  bedeutungsunterscheidende  Einheit, ein Bündel von distinktiven   Merkmalen

SILBE  Einheit der Artikulation   (tra – gen)

GRAPHEM  Buchstabentyp, GRAPH  Buchstabenvorkommen, einzelner konkret  realisierter Buchstabe

MORPHEM  - kleinste  bedeutungstragende  Einheit

WORT   - kleinste, relativ selbständige, d.h. potentiell  isolierbare  Einheit

WORTGRUPPE – Verbindung von mehreren Wörtern

    Lose  WG:   grünes  Heft

 Kollokationen:   scharfe  Augen, blondes Haar,  Zähne putzen

    Funktionsverbgefüge:  in Frage stellen, zur Anwendung bringen

Idiomatische Wendungen:  aus einer Mücke einen Elefanten machen

    Zwillingsformeln:  in Hülle und Fülle

Pragmatische  Phraseologismen: ehrlich gesagt, nicht wahr?

 

Substantivische, verbale, adverbiale Wortgruppen

 

Syntagmatische Relationen

Wir → essen →gerne →Obst.
Anna → sitzt → im → Park.

be→schreib→t

Schreib→tisch

 

Wir → essen →gerne →Obst.

                                               paradigmatische Relationen

Studenten                              Pflaumen

 

(Ich) schreibe          Wortformen

        schreibst

        schreibt

 

Synonymie

Apfelsine  - Orange, Milieu – Umgebung,  einschließlich – inklusive, 

anfangen – beginnen

Frühling – Lenz, empfangen – bekommen – kriegen, speisen – essen – fressen

Stilschichten:  gehoben – neutral – umgangssprachlich – salopp – vulgär

Aber:  Treppe – Stiege (territoriale Dubletten, keine Synonyme)

 

Antonymie

1)    Im engeren Sinne (konträr):  klug – dumm, früh – spät,

graduierbar, mit einer Skala: heiß – warm – lau – kühl – eisig

2)    Komplementarität (kontradiktorisch, sich ausschließend):  Leben – Tod, verheiratet – unverheiratet,  mit – ohne

3)    Konversivität:  geben – bekommen,  mieten – vermieten,  Eltern – Kinder

 

 

 

 

 

 

 

Satzdefinitionen

 J. Ries 1935: über 220 Satzdefinitionen

1)  Logisch:  Satz als Urteil , Ausdruck eines Gedankens, man sagt etwas über etwas aus

2)  Psychologisch:  sprachlicher Ausdruck von Vorstellungen

3)  Kommunikativ:  „kleinste relativ selbständige Redeeinheit“ (Erben), eine kommunikative Einheit: der Sprecher teilt dem Hörer etwas mit

4)  Inhaltlich: Satz  drückt einen Sachverhalt aus

5)  Formal:  Atemeinheit, Klangeinheit, was von zwei Pausen eingeschlossen ist,

eine grammatisch-strukturelle Einheit

 

Hennig Brinkmann: Nacheinander als Miteinander

(Wortfolge, grammatische Struktur, Intonation), d.h.:  grammatische, intonatorische,  kommunikative, inhaltliche Einheit

 

Auch: Sprich! Dort!  Feuer! Wunderbar!  Unter dem Tisch

 

 

 

19. Jh.:  Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft

Friedrich  Schlegel  1808 „Über die Sprache und Weisheit der Inder“

Franz Bopp   1816  (Konjugation: Sanskrit u.a. Sprachen), R. Rask 1818 

Ziel:  genetische Verwandtschaft der Sprachen untersuchen, die Ursprache rekonstruieren

 

Junggrammatiker, seit den 70er Jahren des 19. Jhs., Leipzig

Hermann Paul, OttoBehaghel

Historische Betrachtung,  Atomismus,  Sprache als „Usus“ (noch nicht als System)

 

BaudoindeCourtnenay (1845-1929) und Miko³ajKruszewski – Kasaner Schule, Vorgänger des Strukturalismus

Phonem, Sprache und Sprechen

Ferdinand de Saussure (1857-1913)1916„Grundzüge der allgemeinen Sprachwissenschaft“

Begründer des Strukturalismus.  Sprache als System von Zeichen; Oppositionen, Relationen als Gegenstand der Beschreibung

Langue  (übergeordnet): sozial, überindividuell, potentiell  – Parole (konkrete Verwendung) – Langage (Sprachfähigkeit)

Synchronie – Diachronie, bevorzugt synchronische Untersuchungen

Bilaterale Zeichenauffassung:  Lautbild – Lautvorstellung  =  Form und Bedeutung

Paradigmatische – syntagmatische Relationen

 

 

Prager Schule

Nicht nur System, auch Funktion  sprachlicher Mittel, Dichtersprache, Zentrum und Peripherie, funktionale Satzperspektive (Thema – Bekanntes, Rhema – Unbekanntes)

N. Trubetzkoy 1939:  Phonetik – Phonologie

 

Der amerikanische Deskriptivismus:L. Bloomfield  (1933) „Language“, Hockett,  Fries,  Nida,  Harris

Methoden(exakt, nachvollziehbar, nachprüfbar): Substitution, Permutation, Elimination, UK-Analyse, Minimalpaaranalyse, Untersuchung der Distribution, Transformationen

Induktives Verfahren:  beobachtbare Fakten, von Texten, Sprachverwendung   zu Klassen. Segmentierung und  Klassifizierung.  Subjektive  Verfahren ausschließen

Behaviorismus: Sprache – beschreibbar als  Reiz und Reaktion

S     r …. s→  R

Bedeutung  - außersprachlich, deshalb kaum  erfassbar. Im Mittelpunkt:  Form

 

Kopenhagener Schule, Glossematik

L. Hjelmslev,  theoretisch  orientiert

Relationen (Abhängigkeiten)  im Sprachsystem (Interdependenz, Determination …), System und Text (Prozess)

Ausdruck  und  Inhalt,  Form und Substanz,  Sprache als Form des Ausdrucks und Inhalts;

abstrakt, nicht empirisch

Dependenzgrammatik  Begründer:   L. Tesnière,  Verb im Zentrum,  Valenz

Alfred singt:   drei Elemente:  A. + singt + Konnexion

 

 

 

Generative Grammatik:   N. Chomsky(geb. 1928) -  Kompetenz – Performanz. Endliche Zahl von Sprachelementen > unendliche Zahl von Sätzen

Oberflächenstruktur – Tiefenstruktur

 

HansGlinz (1913-2008):  „Die innere Form des Deutschen“    1952

Verb im Zentrum. Methoden:  Ersatzprobe, Verschiebeprobe, Weglassprobe; exakte, nachvollziehbare, nachprüfbare Methoden

z.B.:  Den anderen Tag  war       eben     alles           wieder   verschwunden

          Nun                         ist     leider     dasschon             weg

         Heute                      bleibt    nun   die Erscheinung                      fort

 

Inhaltbezogene Sprachwissenschaft:   Leo Weisgerber(seit den 20er Jahren in  Deutschland)

Neuhumboldtianer,  Sprachphilosophie:  man sieht die Welt durch die Brille seiner Muttersprache.  Wortfeldtheorie – Untersuchung der  Bedeutungsrelationen

 

Verdienste der strukturellen  Linguistik: exakte Methoden,  Systemcharakter der Sprache

Kritik des Strukturalismus:  Antihistorizismus,  weitgehende Ausklammerung der Bedeutung,  keine Berücksichtigung der  kommunikativen Funktion der  S.

Leon Zawadowski:    „System to zespó³ elementów, miêdzy którymi zachodz¹ zwi¹zki; zwi¹zki s¹ czêœci¹ tego systemu” (…) „nie bêdziemy u¿ywali terminu system w odniesieniu do samej sieci zwi¹zków. Tê ostatni¹ mo¿emy  nazwaæ  struktur¹ systemu; ka¿dy system ma oczywiœcie strukturê”.

 

 



[1] Höchster Gott Masda kämpft gegen den bösen Geist Ahriman. Mensch ist frei, kann sich entwickeln. Zarathustra verkündet Heilslehre Gottes